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Exklusiv-Interview mit Prof. Dr. Baltin: Was bei Arthrose an Hüfte, Knie, Schulter und Daumen wirklich hilft (Teil 1)

Für Klinik Auskunft haben wir exklusiv mit Prof. Dr. med. Christoph Baltin gesprochen – Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am MVZ im Universitätsklinikum Köln mit Schwerpunkt regenerative Orthopädie, Prävention und Sportmedizin.

In Teil 1 geht es um Gelenkverschleiß an Hüfte, Knie, Schulter und Daumen – von der Coxarthrose über die Gonarthrose und die Kalkschulter bis zur Rhizarthrose. Die Antworten von Prof. Baltin geben wir im Wortlaut wieder; sie sind zur Kennzeichnung in Anführungszeichen gesetzt.

Herr Prof. Baltin, was fasziniert Sie an der Orthopädie – und was verstehen Patient*innen am häufigsten falsch?

Prof. Dr. Baltin: „Für mich bedeutet Arztsein vor allem, Menschen zu helfen. Genau das kann ich in der Orthopädie jeden Tag ganz unmittelbar erleben: Schmerzen lindern, Beweglichkeit zurückgeben und Lebensqualität verbessern. Der Mensch steht dabei stets im Mittelpunkt meines Handelns. Die Verbindung aus Medizin, manuellem Handeln und persönlichem Patientenkontakt ist das, was mich an diesem Fach so begeistert.

Ein häufiges Missverständnis meiner Patienten ist, dass ein auffälliger Befund im Röntgen, CT oder MRT automatisch als Ursache der Beschwerden verstanden wird – obwohl Bildbefund und tatsächliche Schmerzursache keineswegs immer übereinstimmen. Bei der Erstvorstellung handele ich daher stets nach der ‚3-B-Regel’: Befinden, Beschwerden, Befunde. Zuerst möchte ich den Menschen und sein Befinden verstehen, dann seine Beschwerden klinisch einordnen und erst anschließend Röntgen-, MRT- oder andere Befunde hinzuziehen. Denn nicht alles, was man auf einem Bild sieht, verursacht auch Schmerzen. Erst das Zusammenspiel aller drei Ebenen führt für mich zu einer guten Diagnose – und damit zu einer gezielten Behandlung.

Meine Prämisse lautet: so konservativ wie möglich, so operativ wie nötig. Die Operation sollte in der Regel nicht die erste, sondern eher die letzte Option sein – außer bei klaren medizinischen OP-Indikationen. Es gibt eine Vielzahl an Entscheidungskriterien für eine Operationsindikation; dabei sollte stets eine individuelle Abwägung zwischen Befunden, Patientenfaktoren und Erfolgsaussichten erfolgen. Die Entscheidung findet dann, wenn es die Situation zulässt, idealerweise gemeinsam mit dem Patienten statt.”

Ein Bildbefund ist noch keine Diagnose

Hüftarthrose: Wann ist beim Hüftverschleiß der Gelenkersatz wirklich Thema – und was kommt vorher?

Was Arthrose eigentlich ist

Prof. Dr. Baltin: „Arthrose ist eine degenerative Gelenkerkrankung, bei der der Gelenkknorpel an Qualität und Substanz verliert. Primär handelt es sich dabei nicht um eine Entzündung, sondern um einen Verschleißprozess. Im Verlauf können jedoch entzündliche Schübe – eine sogenannte aktivierte Arthrose – auftreten. Knorpelgewebe selbst hat keine Nervenfasern; die Schmerzen entstehen erst, wenn Knochenhaut, Gelenkkapsel, Bänder oder der Knochen unter dem Knorpel mitbetroffen sind.”

 

Wann die Prothese zum Thema wird

Prof. Dr. Baltin: „Die Einteilung der Arthrose nach radiologischem Schweregrad erfolgt entlang einer weltweit etablierten Klassifikation (Kellgren-Lawrence) von 0 bis 4. In Deutschland gibt die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) eine klare Orientierung zu den Indikationskriterien eines Gelenkersatzes. Wenn ein Patient trotz leitliniengerechter konservativer Therapie über mindestens drei Monate hinaus einen hohen subjektiven Leidensdruck hat, kann die Indikation zur Hüft-Totalendoprothese gestellt werden – zuvor sollten aber alle konservativen Therapieansätze ausgeschöpft sein.

Eine starre Obergrenze gibt es dabei nicht: Selbst wenn ein Patient radiologisch einen Schweregrad Kellgren-Lawrence 4 aufweist, sein subjektiver Leidensdruck aber gering ist und keine signifikanten Funktionseinschränkungen wie eingeschränkte Gehstrecke oder Anlaufschmerzen vorliegen, muss keine Operation erfolgen. Es bleibt letztlich eine individuelle und stets gemeinsam zu treffende Entscheidung zwischen Patient und Operateur.”

 

Der konservative Weg zuerst

Prof. Dr. Baltin: „Das Spektrum konservativer Ansätze zur Linderung arthrotischer Beschwerden ist groß. Auf Basis der S3-Leitlinie zählen dazu neben der medikamentösen Therapie unter anderem die Patientenedukation, Bewegungstherapie und Förderung der körperlichen Aktivität mit hüftstabilisierendem Muskelaufbau sowie eine Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Patienten. Im Rahmen eines multimodalen Konzepts können bei aktivierten Coxarthrosen auch intraartikuläre Kortison-Injektionen zum Einsatz kommen. Ergänzende, teils uneinheitlich bewertete Verfahren wie Injektionen mit Hyaluronsäure oder Eigenblut (PRP/ACP) bis hin zu regenerativen, zellbasierten Verfahren finden ebenfalls Anwendung.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Diagnose Coxarthrose bedeutet nicht automatisch ein neues Gelenk. Der zugrunde liegende Knorpelschaden ist heutzutage gut behandelbar – auch wenn sich bereits verlorener Gelenkknorpel bislang nur eingeschränkt bzw. noch nicht zuverlässig wiederherstellen lässt.”

(Mehr Informationen: Coxarthrose auf Klinik Auskunft.)

Kniearthrose: Was können Betroffene selbst tun – und was leisten ACP/PRP?

Prof. Dr. Baltin: „Auf Basis des AOK Gesundheitsatlas lag im Jahr 2024 der Anteil der erwachsenen Bevölkerung, der klinisch relevant von einer Gonarthrose betroffen ist, deutschlandweit bei sieben Prozent. Einmal geschädigter Knorpel des Kniegelenks regeneriert sich nicht von selbst – das Knie hat, anders als etwa Knochen oder Haut, keine nennenswerte Selbstheilungskapazität für Knorpelgewebe. Diese Nachricht erschreckt viele meiner Patienten zunächst. Fest steht: Verschleiß ist häufig, und die Arthrose ist weltweit die häufigste Gelenkerkrankung des erwachsenen Menschen – aber der Verlauf ist zu einem großen Teil steuerbar. Arthrose ist kein Naturgesetz, das linear auf die Prothese zusteuert.”

 

Warum Bewegung „Nahrung” für den Knorpel ist

Prof. Dr. Baltin: „Wichtig zu wissen ist, dass der Gelenkknorpel keine eigene Blutversorgung besitzt. Er wird ausschließlich über die Gelenkflüssigkeit (Synovialflüssigkeit) ernährt – und diese wird nur durch Be- und Entlastung im Wechsel in den Knorpel hinein- und wieder herausgepresst. Bewegung ist also im wörtlichen Sinn Nahrung für den Knorpel; Bewegungsmangel führt dagegen zu einer Mangelversorgung und beschleunigt den Abbau eher, als ihn zu verlangsamen.

Idealerweise erfolgt die Bewegung gelenkschonend und regelmäßig, etwa mit Radfahren, Schwimmen, Walking oder angeleitetem Krafttraining. Am Kniegelenk wirkt bspw. die Muskelkraft des Quadrizeps wie ein muskuläres Stoßdämpfersystem und entlastet den Knorpel direkt. Auch eine Gewichtsreduktion reduziert die Gelenkbelastung beim Gehen um ein Vielfaches, da im Kniegelenk Hebelkräfte verstärkt wirken. Mit diesen Maßnahmen lassen sich bereits eine deutliche Schmerzreduktion und ein Funktionserhalt erzielen – teilweise sogar besser belegt als viele der als ‚innovativ’ beworbenen Verfahren. Bewegung ist und bleibt damit der beste Knorpelschutz.”

 

Was ACP/PRP leisten – und was nicht

Prof. Dr. Baltin: „Regenerative Optionen wie Autologes Conditioniertes Plasma (ACP) beziehungsweise Platelet-Rich Plasma (PRP) müssen realistisch eingeordnet werden. Sie werden aus patienteneigenem Blut gewonnen und ins Gelenk injiziert; die enthaltenen Wachstumsfaktoren sowie Zytokine, Gerinnungs- und Adhäsionsproteine zusammen mit Botenstoffen der Thrombozyten sollen entzündliche Prozesse dämpfen und das Gelenkmilieu günstig beeinflussen. Bei leichter bis moderater Gonarthrose können ACP/PRP Schmerzen lindern und die Beweglichkeit für einige Monate verbessern.

Es handelt sich also um eine symptomatische, keine kurative Therapie – der Knorpel wird dadurch nicht wiederaufgebaut, und bei fortgeschrittener Arthrose mit deutlicher Gelenkspaltverschmälerung oder Achsfehlstellung sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich. Die Studienlage ist daher aktuell insgesamt noch recht heterogen. ACP/PRP und andere zellbasierte Verfahren sollten daher als Ergänzung zum Selbstmanagement verstanden werden, nicht als Ersatz dafür.”

(Mehr Informationen: Gonarthrose auf Klinik Auskunft.)

Kalkschulter: Wie verläuft sie typischerweise – und wann helfen Stoßwellen oder ein Eingriff?

Prof. Dr. Baltin: „Die Kalkschulter ist keine Verkalkung im Sinne eines Alterungsprozesses – es handelt sich um Ablagerungen von Kalkdepots innerhalb einer Sehne der Rotatorenmanschette, meist der Supraspinatussehne. Die gute Nachricht vorab: Der Kalk verschwindet oft von allein. Betroffen sind häufig Personen zwischen 30 und 50 Jahren, wobei sich keine konkreten Auslöser benennen lassen; ursächlich sind meist kleine Durchblutungsstörungen im sehnennahen Gewebe.”

 

Ein Verlauf in Phasen

Prof. Dr. Baltin: „Häufig tritt eine spontane Selbstheilung auf, wobei die Erkrankung verschiedene Phasen durchläuft: Die Aufbauphase ist wenig schmerzhaft, Kalkdepots lassen sich aber bereits im Röntgenbild oder Ultraschall nachweisen. In der Ruhephase verharren die Depots oft monatelang, ohne wesentliche Beschwerden zu verursachen. In der folgenden resorptiven Phase löst sich der Kalk wieder auf – wobei dann paradoxerweise oft die stärksten Schmerzen auftreten. In der abschließenden reparativen Phase heilt die Sehne aus und die Beschwerden klingen häufig komplett ab.”

 

Sanfte Therapie, Stufe für Stufe

Prof. Dr. Baltin: „In den einzelnen Stufen lässt sich gut mit sanften Mitteln behandeln: zunächst abwarten und beobachten – nicht jedes Kalkdepot ist behandlungswürdig. Eine begleitende Physiotherapie erhält die Schulterbeweglichkeit und beugt einer schmerzbedingten Einsteifung (auch Frozen Shoulder genannt) vor. Die fokussierte Stoßwellentherapie kann in der Ruhephase eingesetzt werden, wenn Beschwerden verharren und bisherige konservative Maßnahmen nicht ausreichend gewirkt haben: Die energiereichen Druckwellen fragmentieren die Kalkdepots mechanisch, regen die körpereigene Resorption an und wirken über eine gesteigerte Durchblutung und Schmerzmodulation lindernd. Ein weiteres Verfahren ist die ultraschallgestützte Nadelung zur Verflüssigung des Kalkmaterials. Als Ultima Ratio steht ein arthroskopischer Eingriff zur Entfernung der Kalkdepots zur Verfügung – in der Praxis ist das heutzutage jedoch so gut wie nie notwendig.”

(Mehr Informationen: Kalkschulter auf Klinik Auskunft.)

Der Weg zum künstlichen Gelenk

Rhizarthrose: Was hilft dem schmerzenden Daumen im Frühstadium?

Prof. Dr. Baltin: „Ein kleines Gelenk mit großer Wirkung: Das Daumensattelgelenk ist an nahezu jeder Greifbewegung beteiligt und verleiht dem Daumen seine besondere Beweglichkeit als Gegenpol zu allen Langfingern. Die Rhizarthrose ist der Verschleiß dieses Gelenks; der typische Schmerz sitzt in der Daumenwurzel, und Frauen sind – besonders um die Wechseljahre – deutlich häufiger betroffen als Männer.

Eine spürbare Schmerzlinderung lässt sich bereits mit einer Daumenschiene erzielen, die vor allem nachts getragen werden sollte: Sie stabilisiert das Gelenk und reduziert die Belastung der geschädigten Gelenkflächen. Ergänzend helfen ergotherapeutische Behandlungen mit gelenkschonenden Greiftechniken, Hilfsmittelberatung und Kräftigung der umgebenden Muskulatur. Oft genügen schon kleine Belastungsanpassungen in Alltag und Beruf, um wiederkehrende Spitzenbelastungen des Gelenks zu reduzieren. Falls nötig, können ergänzend Stoßwellentherapien oder Magnetfeldbehandlungen zum Einsatz kommen. Bei ausbleibendem Erfolg können auch Injektionen in das Gelenk eingesetzt werden – sie wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd, aber zeitlich begrenzt; die Knorpelschädigung selbst bleibt unbeeinflusst.

Bestehen die Beschwerden trotz konsequent durchgeführter konservativer Therapie fort, ist die Handfunktion spürbar eingeschränkt oder liegt radiologisch bereits eine fortgeschrittene Zerstörung vor, stehen operative Optionen zur Verfügung – von gelenkerhaltenden Verfahren bis zur Resektionsarthroplastik. Beim Daumen gilt aber: erst schienen, dann schneiden. Meist reichen die konservativen Maßnahmen bereits aus; ein operativer Eingriff bleibt ausgeprägten, therapieresistenten Fällen vorbehalten.”

(Mehr Informationen: Rhizarthrose auf Klinik Auskunft.)

Weiterführende Informationen und Klinikwahl

Vertiefende Informationen zu den hier besprochenen Krankheitsbildern finden Sie auf den Seiten zu Coxarthrose, Gonarthrose, Kalkschulter und Rhizarthrose. Wer vor einer größeren Entscheidung – etwa einem Gelenkersatz – eine spezialisierte Einrichtung oder eine Zweitmeinung sucht, kann über die Kliniksuche gezielt Kliniken aus dem Bereich Orthopädie vergleichen.

Weiter in Teil 2: Wenn der Schmerz ins Bein zieht oder die Hand nachts einschläft – Prof. Baltin über Ischias und Spinalkanalstenose, die ISG-Blockade, Nackenschmerzen und das Karpaltunnelsyndrom. Und darüber, warum der Schmerzort selten die Schmerzquelle ist.

Zu Teil 2 →

Über den Experten

Prof. Dr. med. Christoph Baltin ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin. Er leitet den Schwerpunkt regenerative Orthopädie, Prävention und Sportmedizin am MVZ im Universitätsklinikum Köln und ist Professor an der FOM Hochschule Köln.

Dieses Interview dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Beratung. Die Aussagen geben die fachliche Einordnung von Prof. Baltin wieder; der individuelle Krankheitsverlauf ist immer unterschiedlich.

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